Wer sich mit dem Thema Gewichtsreduktion und Diäten beschäftigt, stößt früher oder später auf die Behauptung, dass das Mikrobiom auch unser Körpergewicht beeinflusst.
Tatsächlich untersuchen Wissenschaftler seit Jahren, ob Unterschiede in der Zusammensetzung der Darmflora dazu beitragen könnten, warum manche Menschen leichter an Gewicht zunehmen als andere.
Die Grundlage für diese Annahme bilden zahlreiche Forschungsarbeiten der vergangenen Jahre. Viele der ersten und viel beachteten Erkenntnisse stammen allerdings aus Tierexperimenten. Inzwischen beschäftigen sich auch Humanstudien zunehmend mit der Frage, welche Rolle Darmbakterien für unseren Stoffwechsel spielen könnten.
Die Idee dahinter ist faszinierend: Könnten Billionen von Mikroorganismen in unserem Darm mitentscheiden, wie wir Energie aus der Nahrung nutzen, wie unser Stoffwechsel funktioniert oder wie leicht wir Körperfett speichern? Diesen Fragen widmet sich die aktuelle Forschung.
Dabei zeichnet sich immer deutlicher ab, dass das Mikrobiom zwar ein wichtiger Einflussfaktor sein könnte, Adipositas jedoch nie auf eine einzige Ursache zurückgeführt werden kann.
Was ist Adipositas überhaupt?
Adipositas ist weit mehr als ein kosmetisches Problem oder die Folge mangelnder Disziplin. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Adipositas als chronische Erkrankung, die durch eine übermäßige Ansammlung von Körperfett gekennzeichnet ist und das Risiko für verschiedene gesundheitliche Probleme erhöhen kann.
Wie Adipositas entsteht, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Neben Ernährungs- und Bewegungsverhalten spielen unter anderem genetische Faktoren, Schlaf, Stress, Hormone, Medikamente und soziale Rahmenbedingungen eine Rolle. In den vergangenen Jahren ist auch das Darmmikrobiom als möglicher Einflussfaktor in den Fokus der Forschung gerückt.
Unter dem Mikrobiom versteht man die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die unseren Darm besiedeln. Dazu gehören vor allem Bakterien, aber auch Viren, Pilze und andere Mikroorganismen. Sie helfen bei der Verdauung, produzieren Stoffwechselprodukte und stehen in engem Austausch mit unserem Immunsystem und Stoffwechsel.
Gibt es ein „Adipositas-Mikrobiom“?
Menschen mit Adipositas weisen häufig Unterschiede in ihrer Darmflora auf. In Studien wurden unter anderem Veränderungen bei der mikrobiellen Vielfalt sowie bei der Zusammensetzung bestimmter Bakteriengruppen beobachtet.
Früher lag der Fokus vor allem auf dem Verhältnis von Firmicutes und Bacteroidetes, zwei großen Bakterienabteilungen (Phyla) im Darm. Lange Zeit wurde vermutet, dass ein höherer Anteil an Firmicutes mit Übergewicht zusammenhängt.
Heute betrachtet die Forschung diese Erklärung jedoch als zu vereinfacht. Die Ergebnisse verschiedener Studien sind nicht immer konsistent, und es zeigt sich zunehmend, dass nicht einzelne Bakterien entscheidend sind, sondern das Zusammenspiel des gesamten mikrobiellen Ökosystems.
Mit anderen Worten: Es gibt bislang keine eindeutige bakterielle „Unterschrift“, die Adipositas zuverlässig erklären könnte.
Wie könnte das Mikrobiom das Körpergewicht beeinflussen?
Obwohl noch viele Fragen offen sind, haben Forschende mehrere Mechanismen identifiziert, über die Darmbakterien Einfluss auf Stoffwechselprozesse nehmen könnten.
Energiegewinnung aus der Nahrung
Bestimmte Darmbakterien können Ballaststoffe fermentieren und dabei kurzkettige Fettsäuren bilden. Dazu gehören unter anderem Acetat, Propionat und Butyrat.
Diese Stoffwechselprodukte, sogenannte Postbiotika, dienen nicht nur den Darmzellen als Energiequelle, sondern werden auch im Zusammenhang mit Appetitregulation, Glukosestoffwechsel und verschiedenen Stoffwechselprozessen untersucht. Mehr zum Thema Postbiotika findest du hier: Postbiotika Artikel.
Interessanterweise zeigen manche Studien sogar höhere Konzentrationen bestimmter kurzkettiger Fettsäuren bei Menschen mit Adipositas. Das verdeutlicht, wie komplex die Zusammenhänge sind und dass einzelne Stoffwechselprodukte nicht pauschal als günstig oder ungünstig bewertet werden können.
Die Darm-Hirn-Achse
Unser Darm und unser Gehirn stehen über die sogenannte Darm-Hirn-Achse in engem Austausch. Stoffwechselprodukte der Darmbakterien können entsprechend Signale an den Körper, u.a. auch an das Zentralnervensystem, senden. Forschende untersuchen daher, ob das Mikrobiom Einfluss auf Hunger, Sättigung und Essverhalten nehmen könnte.
Welche Bedeutung diese Mechanismen im Alltag tatsächlich für die Entstehung von Adipositas haben, ist derzeit noch Gegenstand intensiver Forschung.
Darmbarriere und Entzündungsprozesse
Die Darmwand reguliert, welche Stoffe aus dem Darm in den Körper gelangen. Veränderungen im Mikrobiom könnten die Funktion dieser Barriere beeinflussen und dadurch Entzündungsprozesse fördern. Solche chronisch niedriggradigen Entzündungen werden seit Jahren als möglicher Faktor bei der Entstehung von Stoffwechselerkrankungen und Insulinresistenz untersucht.
Was zeigen Tierstudien?
Viele der spektakulärsten Erkenntnisse zum Zusammenhang zwischen Mikrobiom und Körpergewicht stammen derzeit noch aus Tierexperimenten.
Besonders bekannt wurden Studien, in denen die Darmflora adipöser Mäuse auf keimfreie Mäuse übertragen wurde. Die Empfängertiere entwickelten anschließend häufiger Stoffwechselveränderungen und nahmen stärker zu als Vergleichstiere.
Solche Ergebnisse lieferten erstmals Hinweise darauf, dass Darmbakterien möglicherweise nicht nur eine Folge von Adipositas sind, sondern aktiv an Stoffwechselprozessen beteiligt sein könnten.
Auch aktuelle Studien beschäftigen sich mit den biologischen Mechanismen hinter diesen Zusammenhängen. So zeigte eine 2026 im Fachjournal Nature (https://www.nature.com/articles/s41586-026-10205-3) veröffentlichte Arbeit, dass bestimmte Darmbakterien über verschiedene Signalwege mit Fettgewebe kommunizieren können. Die Forscher beobachteten in Mausmodellen, dass das Mikrobiom an Prozessen beteiligt sein könnte, die den Energieverbrauch beeinflussen. Die Studie liefert wichtige Einblicke in die Kommunikation zwischen Darm, Stoffwechsel und Fettgewebe, erlaubt jedoch keine direkten Rückschlüsse auf den Menschen.
Was zeigen Studien am Menschen?
Die entscheidende Frage lautet: Lassen sich die Erkenntnisse aus Tierstudien auf den Menschen übertragen?
Mittlerweile gibt es zahlreiche Humanstudien, die Zusammenhänge zwischen Mikrobiom und Adipositas untersuchen. Viele davon bestätigen, dass sich die Zusammensetzung der Darmflora bei Menschen mit Adipositas häufig von der normalgewichtiger Personen unterscheidet.
Deutlich schwieriger ist jedoch die Frage nach Ursache und Wirkung.
Verändert ein bestimmtes Mikrobiom den Stoffwechsel und begünstigt dadurch eine Gewichtszunahme? Oder verändert eine bestehende Adipositas das Mikrobiom? Wahrscheinlich beeinflussen sich beide Faktoren gegenseitig.
Bisher konnten Humanstudien zwar interessante Zusammenhänge aufzeigen, eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehungen lassen sich jedoch nur schwer nachweisen.
Können Probiotika oder Darmkuren beim Abnehmen helfen?
Mit der wachsenden Aufmerksamkeit für das Mikrobiom werden auch zahlreiche Produkte und Tests beworben. Die bisherige wissenschaftliche Evidenz im Zusammenhang mit Körpergewicht und Adipositas ist jedoch begrenzt.
Auch Mikrobiomanalysen oder sogenannte Darmkuren bieten derzeit keine verlässliche Grundlage, um individuelle Gewichtsprobleme zu erklären oder gezielt zu behandeln.
Gleichzeitig zeigt die Forschung sehr konsistent, dass Ernährung die Zusammensetzung und Funktion des Mikrobioms stark beeinflusst. Eine ballaststoffreiche, pflanzenbetonte Ernährung mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten steht dabei nicht nur mit einer vielfältigeren Darmflora in Verbindung, sondern wirkt sich auch unabhängig davon positiv auf Sättigung, Energieaufnahme und Körpergewicht aus. Unverarbeitete, ballaststoffreiche Lebensmittel fördern das Sättigungsgefühl und liefern eine niedrigere Energiedichte als stark verarbeitete Produkte.
Im Kontext von Adipositas bleibt eine ausgewogene, überwiegend unverarbeitete Ernährung daher ein zentraler Bestandteil ernährungsmedizinischer Strategien, nicht aufgrund eines einzelnen Mikrobiom-Effekts, sondern weil sie mehrere Systeme der Stoffwechsel- und Energiebalance gleichzeitig beeinflusst.
Fazit: Das Mikrobiom ist ein Puzzleteil, aber nicht das ganze Bild der Adipositas
Die Forschung zeigt zunehmend, dass das Darmmikrobiom eng mit unserem Stoffwechsel verbunden ist. Menschen mit Adipositas weisen häufig Veränderungen in ihrer Darmflora auf, und experimentelle Studien liefern interessante Hinweise darauf, dass Darmbakterien biologische Prozesse im Energiehaushalt mitbeeinflussen können.
Gleichzeitig ist Adipositas nicht auf eine einzelne Ursache zurückzuführen. Genetik, Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stress, Hormone und Umweltfaktoren wirken in komplexer Weise zusammen. Das Mikrobiom ist dabei vermutlich ein relevantes, aber nicht isoliert zu betrachtendes Element dieses Systems.
Wichtig ist zudem: Die Ernährung beeinflusst das Körpergewicht nicht nur indirekt über das Mikrobiom, sondern sehr direkt über Energiezufuhr, Sättigung und Nährstoffdichte. Eine überwiegend unverarbeitete, ballaststoffreiche und pflanzenbetonte Ernährung wirkt daher auf mehreren Ebenen gleichzeitig: sie unterstützt eine vielfältige Darmflora und beeinflusst zugleich zentrale Mechanismen der Appetit- und Energiebilanzregulation.
Das Mikrobiom ist damit ein spannender Mitspieler in einem komplexen Netzwerk. Entscheidend bleibt jedoch das Zusammenspiel aller Faktoren und die Ernährung als eine der zentralen Stellschrauben.